Siegener-Zeitung vom 07.12.2018

sz Siegen. Zum Zusammenhang zwischen Bindungsqualität und Stress hatte der Lions-Club Siegen-Krönchen jetzt die Neurobiologin Dr. Nicole Strüber eingeladen.

Club-Präsident Michael Treude begrüßte die zahlreichen Gäste im Haus der Siegerländer Wirtschaft. Die Referentin erläuterte anhand aktuellster Forschungsergebnisse, wie Gehirn und Persönlichkeit eines Menschen durch seine Gene, seine vorgeburtlichen und frühkindlichen Erfahrungen geprägt werden und warum vor allem die frühen Bindungserfahrungen so wichtig für die weitere Entwicklung sind. Fasziniert folgten die Zuhörer den sehr prägnanten Ausführungen über die Entwicklung des Gehirns und der darin stattfindenden neurobiologischen Prozesse,bis hin zu den epigenetischen Vorgängen.

Die Neurobiologin stellte dar, wie die emotional bedeutsamen Hirnbereiche im frühen Stadium der Entwicklung durch frühe Erfahrungen in ihrer Reifung beeinflusst werden und welche Rolle dabei die Substanz Oxytocin als schützender Bindungsstoff spielt.

Diese Substanz wird im kindlichen Gehirn durch die liebevolle, einfühlsame Fürsorge von Mutter und Vater ausgeschüttet und wirkt beruhigend und entspannend auf das Kind. Es fühlt sich angenommen und verstanden. Das zarte Nervensystem erhält einen Stress-Schutz. Daneben führte sie aus, wie sich parallel das mütterliche und das väterliche Gehirn auf die Elternschaft, die Bedürfnis- Erfüllung des Kindes einstellen und wie sie dabei über Botenstoffe indirekt mit ihrem Nachwuchs kommunizieren. Es entsteht ein emotional-sensibler, fürsorglicher Bindungsprozess, in dessen Verlauf sich beim Kind das hierarchische Prinzip von Emotion vor Kognition ausbildet.

Auf dieser Grundlage kann es sich zu einem sicher gebundenen Individuum entwickeln und schrittweise seine kleine Welt entdecken. Es hat die besten Voraussetzungen zu einem empathischen, verantwortungsbewussten Erwachsenen heran zu reifen und damit zu einem wertvollen Gesellschaftsmitglied. Im Bewusstsein dieser bedeutsamen Phase der ersten Lebensjahre, so folgerte Nicole Strüber, brauchen Mütter, Väter und Kinder, brauchen junge Familien idealerweise die Wertschätzung und Unterstützung der gesamten Gesellschaft. Doch wie sieht deren reale Lebenswelt aus, in welchem Spannungsfeld leben junge Eltern heute? Welche Rahmenbedingungen finden Sie vor? Zu diesen Fragen entspann sich eine lebhafte Diskussion unter der Zuhörerschaft. Die Vereinbarkeitsfrage von Mutterrolle und Beruf wurde angesprochen, Sorgen um berufliche Nachteile, um finanzielle Einbußen, die Angst vor einem Karriereende nach langer Ausbildung und Studium thematisiert. Moderne Mütter wollen auch finanziell unabhängig, selbst bestimmt und gesellschaftlich anerkannt sein, doch der Weg nach flexiblerem Berufsalltag mit aufgelockerter Anwesenheitspflicht scheint noch weit. Da gibt es sie zwar, die Erziehungszeiten für Väter, doch sie sind noch keine Selbstverständlichkeit und nicht bei jedem Arbeitgeber geschätzt und unterstützt, oder überhaupt möglich. Die von allen Kindheits-Forschern und Fachleuten geforderte Qualität der Kitas, die als erste und wichtige Säule für Erziehungspartnerschaften mit den Eltern fungiert, wird von den politisch Verantwortlichen viel zu schleppend umgesetzt. Eine Aufwertung und bessere Entlohnung des Erzieherberufes könnte den geforderten Fachkräftemangel stoppen und endlich zu optimalen Betreuungsschlüsseln von 1:3 bei den unter Dreijährigen und 1:5 die den älteren Kindern führen.

Ein Ziel, das oberste Priorität haben sollte und unbedingt umgesetzt werden muss, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Das Fazit dieser Veranstaltung, so Moderator Heribert Kellnhofer: „ist die Forderung an die Politik, die notwendigen Voraussetzungen für eine optimale Kindertagesbetreuung zu schaffen. Gleichzeitig sollten Frauen und Männern mehr individuelle Freiräume für die Gestaltung dieser Lebensphase zugestanden werden“. Die Veranstaltung ist Teil einer Kooperation des Lions-Clubs Siegen-Krönchen mit dem Berufskolleg für Sozialpädagogik, Siegen.